Wie beim Kochen braucht es auch beim Geschichten
erfinden die richtigen Zutaten. Eine Anleitung, wie aus fantasievollen
Ideen spannende, lustige, traurige oder skurrile
Geschichten zubereitet werden.
Annalise Schütz
Jedes Kind hat Wörter im Kopf. Wenn wir die Kinder ihre Köpfe
kräftig schütteln lassen, sind sie erstaunt, wie viele unterschiedliche
Wörter aus ihren Köpfen herausfallen: Farbenwörter – Freundschaftswörter – Lieblingswörter – Spielzeugwörter – Tierwörter – Sommer-
und Winterwörter – liebe, böse, lustige, humorvolle,
freche, unanständige Wörter.
Hinter all diesen Wörtern steckt mehr als nur die reine Wortbedeutung.
Einerseits sind sie mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen verknüpft,
stehen also in einer sinnvollen Beziehung zueinander. Andererseits wecken
sie Vorstellungen zu konkreten Ereignissen. Sie regen an, Vermutungen über
einen vorhersehbaren Verlauf, beispielsweise einer Handlung, anzustellen,
daraus mögliche Folgerungen abzuleiten oder Schlüsse zu ziehen.
Die Fähigkeit, zusammenhängendes Geschehen zu verstehen,
kann bei Kindern ab etwa vier Jahren vorausgesetzt werden. Jedes Kind
hat also nicht bloss Wörter im Kopf, sondern es schlummern auch
Vorstellungen zu konkreten Ereignissen in ihm. Es lohnt sich, diese «aufzuwecken» und
in Form eigener Geschichten zum Ausdruck zu bringen.
Die Zutaten der Geschichtenküche
Wie mit Kindergartenkindern, die in der Regel weder lesen noch schreiben
können, die Vorstellung zu konkreten Ereignissen «aufgeweckt» und
zum Ausdruck gebracht werden kann, wird anhand der Idee und Umsetzung
des Geschichtenmenüs von Susi Fux veranschaulicht.
Anhand einer Bilderbuchgeschichte werden Eliane, Genevieve, Tim und
Jan (fünf- bzw. sechsjährig) auf das Vorhaben eingestimmt.
Die Handlung dieser Bilderbuchgeschichte entspricht dem Geschichtenmenü,
das die Kinder nachher selber zubereiten sollen. Es setzt sich aus
fünf Gängen bzw. fünf Tellern zusammen, auf denen der
Verlauf einer Geschichte und die Beziehungen, die zwischen den Tellern
bestehen, in einer logischen Abfolge präsentiert werden.
Erster Teller: Wer spielt die Hauptrolle in der Geschichte?
Zweiter Teller: Wem begegnet die Hauptfigur?
Dritter Teller: Was passiert?
Vierter Teller: Wie kann geholfen werden?
Fünfter Teller: Ende (Auflösung des Ereignisses)
Bei geübten Geschichtenerfindern/-innen können weitere Teller
eingesetzt werden: warum und wieso, wie lange, ein neues Ereignis,
usw.
Man nehme …
Für den ersten Teller zeichnet das Kind die zentrale Gestalt seiner
Geschichte und erzählt den anderen Kindern, wer die Figur ist
und was sie gerne macht. Dasselbe geschieht mit der zweiten Figur.
Im Gespräch mit den Kindern werden mögliche Ereignisse, was
passieren könnte, gesammelt und besprochen und so zur Zubereitung
des dritten Tellers angeregt. Jedes Kind entscheidet selber, was seinen
zwei Figuren passiert, welche Lösungsmöglichkeit zu einem
guten Ende führt. Damit die Vorstellung über die konkreten
Ereignissen nicht nur bildlich dargestellt, sondern auch sprachlich «aufbewahrt» werden
können, stellt sich die Lehrperson den Kindern als «Schreibdienerin» zur
Verfügung. Immer wieder rufen einzelne Kinder: «Ig ha wieder
es Täller fertig, söttisch cho schriebe!» Sind alle
fünf Teller des Geschichtenmenüs fertig zubereitet, kann
das Menü in Form eines Leporellos (oder Büchlein) immer wieder
angeschaut, erzählt und gelesen werden.
Das Geschichtenschema als Grundlage
Das Geschichtenmenü, welches den Kindern zur Entwicklung ihrer
eigenen Geschichte gedient hat, ist vergleichbar mit dem Geschichtenschema,
einer Theorie bezüglich des Verstehens von Erzählungen. Das
Geschichtenschema entwickelt sich durch das Hören vieler Geschichten.
Dabei werden den Kindern Kenntnisse und Erfahrungen über das Aneinanderreihen
von Ereignissen innerhalb einer Geschichte vermittelt. Durch die Vielzahl
von möglichen Handlungsabläufen und mittels Erfahrungen bezüglich
allgemeiner kausaler Zusammenhänge, verkörpert sich das Geschichtenschema
allmählich in einem mentalen (geistigen) Modell. «Wenn Kinder
eine Geschichte erzählen oder nacherzählen, so folgen sie
in ihrer eigenen Erzählung demselben Geschichtenschema. Das Geschichtenschema
scheint demzufolge eine Art Raster und nützliche Hilfe sowohl
für das Verstehen, wie für das Erzählen zu sein.» (vgl.
Zollinger, 2000, S. 96). Lassen wir also die Kinder ihre Köpfe
kräftig schütteln, um aus den vielen Wörtern, die dabei
herausfallen, eigene Geschichten zu erfinden, zu erzählen, zu
zeichnen, zu schreiben und zu lesen!
Wörter-Geschichten
Mit den Kindern Farbenwörter (z.B. Sonne, Meer, Wiese, Nacht,
Tomate, Eisbär usw.) sammeln und auf kleine Zettel zeichnen oder
aufschreiben. Die gesammelten Farbenwörter in eine Schachtel oder
einen Stoffsack geben und mischen. Drei Farbenwörter herausnehmen
und daraus einen Geschichtenanfang erfinden: «Es war einmal ein
Eisbär, der träumte, dass sich in der Nacht seine Eisscholle
in eine Wiese verwandelte.» Solche Geschichtenanfänge sollen
zum Weiterzählen anregen.
Variante: Die gesammelten Wörter nach Farben sortieren und damit
eine rote, eine grüne Geschichte erfinden. Die Farbenwörter
mit Lieblings-, Spielzeug-, Sommer- oder Winterwörtern ergänzen.
Gegenstand-Geschichten
Den Kindern verschiedene Gegenstände (Ball, Blumen-
topf, Mütze, Apfel, Spielzeug, Schulmaterial) hinlegen oder sie
selber zusammentragen lassen. Jedes Kind erfindet zu einem dieser Gegenstände
eine kurze Geschichte aus drei Sätzen: Der erste Satz beginnt
mit: «Es war einmal …». Im zweiten Satz passiert
etwas Ungewöhnliches, vielleicht sogar etwas Gruseliges oder Gefährliches,
im dritten Satz wird alles wieder gut.
Variante: Die Kinder erfinden eine Geschichte, in der drei dieser Gegenstände
vorkommen.
Fantasiereise oder Spaziergang durch das Bild
In jedem Bild sind Geschichten versteckt. Zuerst beschreiben die Kinder,
was wirklich auf dem Bild zu sehen ist. Dann «spazieren» sie
in Gedanken durch das Bild und erzählen mit Hilfe der eigenen
Fantasie, was sie alles im nicht mehr sichtbaren Raum (quasi hinter
dem Bild)
sehen und erleben. Zum Beispiel: Wohin die abgebildete Strasse führt
oder wer im abgebildeten Schloss wohnt, ob die Insel, welche das Schiff
ansteuert, bewohnt ist, oder ob auf der Schifffahrt plötzlich
ein Meeresungeheuer auftaucht. Für eine Fantasiereise oder einen
Spaziergang im Bild müssen die Kinder durch die Lehrperson gedanklich
zu einer konkreten Ausgangssituation geführt werden, welche ihre
Vorstellungskraft für den weiteren Verlauf der Geschichte weckt.
Annalise Schütz ist Dozentin für Allgemeine
Didaktik am Institut Vorschulstufe und Primarstufe IVP NMS und PHBern
und Mitglied der Redaktionskommission.
Der Artikel basiert auf den praktischen Erfahrungen von Susi Fux, Puppenspielerin,
Leseanimatorin SIKJM, beim Herstellen von Geschichtenmenüs.
Literatur
Barbara Zollinger (Hrsg.): Kinder im Vorschulalter. 2. Auflage. Verlag
Paul Haupt, Bern, 2000
Eva Maria Kohl: Spielzeug Sprache. 2. Auflage. Beltz Verlag, 2006
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